Einführung in die Meditationspraxis

Die Kunst, achtsam zu leben

Viele von uns leben ein Leben voller Deadlines und Aufgaben und wir haben kaum Zeit zur Ruhe zu kommen. Dadurch reagieren wir mehr als wir agieren. Ein Großteil unseres Alltags läuft wie per Autopilot ab. Unser Leben verstreicht und wir haben keine Zeit gehabt wirklich zu leben. Wenn wir uns frei von dieser Art zu leben machen, können wir wieder die Kontrolle über unser Leben erlangen. Wir können dies erreichen, indem wir achtsam leben. Achtsam zu leben bedeutet, dass wir jeden Moment wissen möchten, was in uns selbst und um uns herum geschieht. Achtsamkeit erreichen wir, indem wir unseren Geist zurück zu unserem Körper bringen. Dann sind wir nicht mehr in Gedanken verloren, während wir essen, arbeiten oder einkaufen gehen. Sondern wir sind dann ganz und gar mit dem jetzigen Augenblick in Berührung. Wir wissen genau, was in uns und um uns herum vor sich geht. Wir sind vollkommen präsent für alles. Ein Gespräch wird zu einer Erfahrung, der Spaziergang zur Arbeit wird zu einem Genuss. Die Fähigkeit achtsam und glücklich zu lebem steckt in uns allen.

Was ist Achtsamkeit?

„Achtsamkeit ist ein nicht urteilendes Gewahrsein von allem, was in uns und um uns herum geschieht. Sie führt uns zurück zur Grundlage des Glücks, gegenwärtig im Hier und Jetzt zu sein.“ Diese Sätze von Thich Nhat Hanh[1] fassen sehr schön zusammen, worum es geht. Wie oft sind wir in Gedanken gefangen. Wir machen uns Sorgen über die Zukunft oder fühlen Ärger oder Bedauern über Dinge, die in der Vergangenheit geschehen sind, obwohl es hier in der Gegenwart keinen Grund gibt, verärgert oder besorgt zu sein. Sorgen und Ärger zu haben ist Teil des Lebens, aber sie müssen uns nicht wie eine Marionette steuern. Auch wenn uns unsere Vorgesetzte bei der Arbeit nicht wertgeschätzt hat, müssen wir uns nicht noch den Abend und die Nacht verderben, indem wir unsere Gedanken immer wieder um diese Verletzung kreisen lassen. So schießen wir selbst „den zweiten Pfeil“ in unsere Wunde (der „erste Pfeil“ wäre hier Nichtwertschätzung bei der Arbeit). Oder wenn wir uns um die Zukunft unserer Kinder sorgen, müssen wir uns nicht tagtäglich vorstellen, wie die Zukunft wohl aussehen könnte. Sind wir achtsam, erkennen wir, wenn wir in Gedanken gefangen sind und werden uns unserer Verhaltensmuster gewahr. Das bedeutet nicht, dass wir Sorgen oder Ärger verdrängen. Nein, ganz im Gegenteil, wir nehmen Sorgen und Ärger an, lassen sie zu, wir sehen sie und kümmern uns um sie, wie eine Mutter sich um ihr weinendes Baby kümmert. Wir wissen dann, dass wir sind nicht nur Sorgen oder Ärger sind, wir sind auch Achtsamkeit. Wir haben es letztendlich selbst in der Hand, wie sehr wir uns von Sorgen oder Ärger in Gefangenschaft nehmen lassen, wie sehr wir Leiden. Um uns nicht von Gedanken überwältigen zu lassen, müssen wir zuerst üben. Und das machen wir in der Meditationspraxis.

[1] Aus Thich Nhat Hanh 2014. Liebesbrief an die Erde. F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München.

Die Meditationspraxis

Bei der Meditationspraxis geht es darum zu „trainieren“ achtsam zu sein. Wenn wir regelmäßig praktizieren, d.h. meditieren, machen wir es uns zur Gewohnheit uns selbst und andere achtsam zu sehen. D.h., wie oben geschrieben, wir erlangen ein „nicht urteilendes Gewahrsein von allem, was in uns und um uns herum geschieht“. Und wie sieht Meditation in der Praxis aus? Wir sitzen, gehen oder liegen und beobachten einfach unseren Körper und Geist. Wir sind sehr konzentriert, spüren das Kribbeln in den Beinen oder das Jucken am Rücken. Wir nehmen jede Körperregung wahr. Wir beobachten unsere Gedanken und Gefühle. Zunächst werden alle paar Sekunden Gedanken kommen, vielleicht Gedanken an eine Begebenheit des Tages. Dann bemerken wir „dieser Gedanke kommt ja wirklich oft wieder, er scheint mich sehr zu beschäftigen“. Wir können vielleicht auch bemerken „immer, wenn dieser negative Gedanke kommt, fühle ich einen Druck auf der Brust. Der Gedanke wirkt sich auf meinen Körper aus.“ Wichtig ist nicht an Gedanken festzuhalten, sie nicht zu „füttern“ sondern sie einfach wieder ziehen zu lassen. Damit das leichter gelingt, brauchen wir einen „Anker“. Man spricht auch von einem Meditations-Objekt. Ein „Anker“ den wir immer dabeihaben, ist unser Atem. Daher konzentrieren wir uns bei vielen Meditationen einfach auf den Atem. Wir spüren jedes Ein- und Ausatmen ganz genau. Wie die Luft durch die Nase einströmt, wie sich die Bauchdecke hebt. Bemerken wir, dass wir für ein paar Sekunden oder Minuten in Gedanken abgedriftet sind, lassen wir die Gedanken ziehen und kehren sanft zum Atem zurück. Es ist völlig natürlich, dass wir uns immer wieder in Gedanken verlieren. Erst wenn wir längere Zeit regelmäßig meditieren, können uns Gedanken nicht lange mit sich ziehen. Dann kommen und gehen sie wie die Wolken am Himmel. Durch die Beobachtung der Gedanken können wir viel lernen und „Aha-Erlebnisse“ haben, das sind dann Momente der „Erleuchtung“ – uns geht ein Licht auf. Vor allem aber lernen wir, unseren Geist zu trainieren. So kann es uns gelingen, auch während des Alltags immer zu wissen was unser Körper und unser Geist tut.  

Die Umsetzung im Alltag

Wenn wir regelmäßig praktizieren, d.h. meditieren, machen wir es uns zur Gewohnheit, uns selbst und andere achtsam zu sehen. D.h. wenn Ärger aufkommt, merken wir frühzeitig, dass Ärger aufkommt. Und so sind wir noch in der Lage, selbst zu bestimmen, wie und ob wir reagieren. Wir können dann noch stoppen und beispielsweise bemerken „Oh, gerade werde ich so richtig ärgerlich. Ich fühle das in meinem Körper, in meiner Brust und meinen Händen. Doch den Ärger hinaus in die Welt zu schicken hilft in diesem Moment nicht weiter. Wenn ich im Ärger spreche, wird mich die Person nicht verstehen und unsere Beziehung verschlechtert sich nur“. Wir können uns dann entscheiden, nicht aufbrausend zu werden und sagen dann vielleicht „Gerade ist kein guter Moment um weiter über das Thema zu reden. Lass uns ein andermal in Ruhe sprechen. Ich möchte deinen Standpunkt richtig verstehen.“

Verständnis und Mitgefühl

Die Entwicklung von Verständnis und Mitgefühl sind ein wichtiger Teil der Achtsamkeitspraxis. Verständnis und Mitgefühl für uns selbst und für andere Menschen. Wenn wir verstehen, warum uns ein Mensch verletzt hat, ist es oft schwer noch böse zu sein. Wir sehen vielleicht, dass dieser Mensch selber leidet. Vielleicht ist sie oder er ohne Liebe aufgewachsen oder hat von der Familie oder dem Umfeld Weltbilder übernommen, die nun sein oder ihr Leben bestimmen. Genauso ist es mit dem Verständnis für uns selbst. Wie jeder Mensch tragen auch wir Erfahrungen und Leid aus der Vergangenheit mit uns und auch wir wurden von der Familie, Freunden und der ganzen Gesellschaft geprägt. Oft sind wir uns gar nicht bewusst, wie sehr unsere eigenen Weltbilder oder Gewohnheiten unser Verhalten bestimmen. Oft ist es fast so, als würden wir von ihnen ferngesteuert. Die Achtsamkeitspraxis hilft uns, unsere Verhaltensweisen, Denkmuster oder andere Gewohnheiten zu erkennen. Haben wir sie erst einmal erkannt, sind wir frei, denn dann können wir selbst entscheiden, wie wir handeln.

Dies war nur eine sehr verkürzte Beschreibung der Achtsamkeitspraxis. Für weitere Informationen seien folgende Bücher empfohlen:

  • Thích Nhất Hạnh, 2002: Das Wunder der Achtsamkeit – Einführung in die Meditation. Theseus (mehrmals neu aufgelegt)
  • Thích Nhất Hạnh, 1998. Ich pflanze ein Lächeln. Golmann (mehrmals neu aufgelegt)

Wie geht es weiter?

Eine Meditationsgemeinschaft (Sangha) besuchen

Ein wichtiger Schritt zum Kultivieren der Achtsamkeit ist es, regelmäßig zu meditieren. Das fällt vielen leichter, wenn sie in eine Meditationsgemeinschaft (Sangha) meditieren. Daher gibt es auch unsere Sangha. Wenn Du neugierig geworden bist, kontaktiere uns einfach.

Bücher

Ein weiterer Schritt ist das Lesen von Büchern über die Achtsamkeitspraxis. Von Thích Nhất Hạnh gibt es praktisch für alle Lebenslagen gute Bücher. Eine Übersicht gibt es auf plumvillage.org. Eine sehr umfassende Liste der Bücher von Thích Nhất Hạnh gibt es zudem auf intersein.de.

Retreats

Retreats oder Meditationskurse ermöglichen es, sehr intensive Erfahrungen zu machen. Wir lernen dort aus erster Hand wie wir meditieren und achtsam essen, arbeiten oder gehen können. Und wir erfahren Transformation und Gemeinschaft so intensiv wie durch keine andere Praxis. In Europa gibt es mehrere Praxiszentren in der Tradition von Thích Nhất Hạnh: Plum Village und das EIAB. Wir müssen keine Buddhisten sein oder werden um dort willkommen zu sein. Jeder ist dort willkommen, so wie sie oder er ist.

Vorträge auf Video

Es gibt sehr viele Lehrvorträge (Dharma Talks) von Thích Nhất Hạnh, beispielsweise auf Youtube. Folgende Kanäle werden von Plum Village gepflegt:

Plum Village App

Die Plum Village App ist eine kostenlose App für Smartphones. Sie enhält Meditation, Vorträge, Videoclips und vieles mehr. Die Inhalte werden in verschiedenen Sprachen angeboten (auch in Deutsch). Man kann sie hier herunterladen:

Lerne, den gegenwärtigen Moment zu umarmen, denn er ist alles, was du hast”
Thích Nhất Hạnh